Stuttgart 21: Die absurdeste Baustelle Deutschlands
Stuttgart 21: Der Aufstieg, Kontroversen und explodierende Kosten des Megaprojekts
Verstehen Sie die Wurzeln des umstrittensten deutschen Bauprojekts, von seinem verheißungsvollen Start als wirtschaftlicher Impulsgeber bis zu den technischen und politischen Hürden, die die Kosten vervielfacht haben.
Short Summary
- Der "Schwarze Donnerstag" 2010 markierte den Höhepunkt des zivilen Protests gegen die Baumfällungen, endend mit schweren Verletzungen.
- Die ursprüngliche Fertigstellung (2008) wurde mehrfach verschoben; aktuell ist Dezember 2026 als Ziel genannt.
- Die geschätzten Kosten stiegen von ursprünglich 4,9 Milliarden DM auf aktuelle 11,5 Milliarden Euro an.
- Technische Risiken, insbesondere das quellfähige Mineral Anhydrit im Tunnelbau, beeinflussten Zeitplan und Budget massiv.
Dieses Dokument analysiert die Entwicklung von Stuttgart 21, beginnend mit der Notwendigkeit eines modernen Bahnhofs in den 1990ern. Es beleuchtet den Widerstand der Bürger, der das Projekt politisch prägte, und die technischen Herausforderungen (Anhydrit, Brandschutz), die das Projekt massiv verteuerten und verzögerten.
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Top Comments (10)
Es wäre billiger gewesen Stuttgart abzureißen und irgendwo ohne Anhydrit wieder aufzubauen.
11,5 Milliarden! Das ist ja zweimal Jens Spahns Masken geklüngel.
So viel Zeit beim Zugfahren werd‘ ich nie einsparen, wie ich schon im Stau wegen dieser Baustelle gestanden bin.
Keine Sorge, die Bahn wird sich mit der 2. Stammstrecke in münchen nochmal überbieten, was Kostensteigerungen und Bauverzögerung angeht. Danach spicht niemand mehr von S21!
Das wichtigste fehlt: das Schiedsverfahren. Heiner Geißler und die Schweizer sma hatten den Kombibahnhof als beste Lösung ermittelt. Billiger, schneller fertig, keine Schwierigkeiten beim Takt usw.
"Es gibt kein Projekt der Bahn, dass so exakt planfestgestellt, durchgerechnet wurde wie das Projekt Stuttgart21" Das sagt er in dem Jahr wo das Projekt laut Plan hätte fertiggestellt sein sollen. Und es wurde da noch nicht mal angefangen zu bauen.
Was sind eure Gefühle zu Stuttgart21?
Ich finde, das Fazit und die Fakten kommen echt zu kurz. Denn viele Probleme am Stuttgarter Hauptbahnhof haben erst mit dem Projekt Stuttgart 21 angefangen. Vorher galt der Kopfbahnhof als einer der besten, leistungsfähigsten und pünktlichsten Bahnhöfe Deutschlands – und das zurecht. Die durchdachte Ingenieursleistung im Gleisvorfeld hatte da einen großen Anteil dran. Warum ausgerechnet dieser funktionierende Bahnhof weichen sollte, während andere Städte ihre Kopfbahnhöfe weiter nutzen, war eigentlich nie eine Frage der besseren Bahnanbindung. Es ging eher darum, die Flächen gewinnbringender zu vermarkten – jedenfalls aus Sicht von Stadt und Landesregierung. Wirtschaftlich war das aber ein echter Griff ins Klo: Wenn man den Kaufpreis der Flächen verzinst – vom Kauf bis zur geplanten Übergabe – und all die Kosten und Belastungen durch den Bau berücksichtigt, dann wird das für die Stadt Stuttgart nie rentabel sein. Auch beim Zeitvorteil wird viel schöngeredet. Der kommt nämlich nicht durch Stuttgart 21 selbst, sondern durch die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm. Die ist technisch ein anderes Projekt und hätte auch ohne den Tiefbahnhof funktionieren können. Dazu kommt: Der regionale Zugverkehr wird schlechter. Mit der Abkopplung der Gäubahn ab 2026 fallen direkte Verbindungen in den Hauptbahnhof weg – stattdessen wird in Stuttgart-Vaihingen Endstation sein. Das ist besonders bitter für Orte wie Herrenberg, Horb, Rottweil, Singen und viele andere im Süden, die auf diese Strecke angewiesen sind. Und dann wird auch noch der RE 200 gestrichen – Deutschlands schnellster Regionalzug zwischen Wendlingen und Ulm. Der war super beliebt, weil er in unter 30 Minuten durch war. Aber mit Stuttgart 21 ist Schluss damit. Ein weiteres Problem ist der neue Flughafenbahnhof. Wenn sich das so entwickelt wie in Frankfurt, halten einige Fernzüge bald nur noch dort – und lassen den Hauptbahnhof in der Innenstadt aus. Konkrete Fahrpläne gibt’s zwar noch keine, aber die Bedenken sind mehr als berechtigt. Was die neuen Bauprojekte auf dem ehemaligen Gleisfeld betrifft: Wer glaubt, dass damit die Wohnungsnot gelöst wird, den muss ich enttäuschen. Das werden hochpreisige Wohnungen, Hotels und Bürogebäude – also nichts, was wirklich hilft. Wenn der Tiefbahnhof dann irgendwann mal fertig ist, braucht der Hauptbahnhof auch noch eine aufwendige Sanierung. Die Bausubstanz und Technik haben unter den jahrelangen Arbeiten schon deutlich gelitten. Zurück zur Ursprungsidee: Anfang der 1990er hat ein Hubschrauberflug mit Heinz Dürr, Erwin Teufel, Manfred Rommel und Co. den Grundstein gelegt. Auf Vorschlag von Prof. Gerhard Heimerl kam die Idee auf, den Bahnhof um 90 Grad zu drehen und aus dem 16+2-gleisigen Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof mit gerade mal 8 bis 10 Gleisen zu machen – vor allem, um an die „Filetstücke“ im Gleisfeld ranzukommen. Stadtentwicklung deluxe halt. Auch sonst wurde bei Stuttgart 21 vieles übergangen: Der Denkmalschutz, etwa beim Abriss der Seitenflügel des Bonatzbaus. Und der Naturschutz, denn der betroffene Bereich im Schlossgarten war ursprünglich geschützt – bis das kurzerhand geändert wurde. Und was hat’s der Stadt gebracht? Massive Verkehrsprobleme. Der Autoverkehr wurde durch Dauerbaustellen, Umleitungen und Sperrungen stark eingeschränkt. Der zentrale Busbahnhof fiel weg, was den Nahverkehr zusätzlich belastet hat. Umwelttechnisch ist das Ganze auch keine Glanzleistung: Trotz aller Logistikpläne gab’s in der Bauphase jede Menge LKW-Verkehr – gerade in den ersten Jahren. Für die Bahn selbst war Stuttgart 21 ein Fass ohne Boden. Ein Großteil der Planungs- und Baukapazitäten floss in dieses eine Projekt, während andere Baustellen bundesweit ins Stocken gerieten. Und auch beim Fernverkehr leidet die Pünktlichkeit mit – was niemanden wundert. Außerdem: Der neue Tiefbahnhof passt nicht zum Deutschlandtakt. Weniger Gleise bedeuten weniger Züge, weniger Umsteigemöglichkeiten – und das widerspricht dem Konzept. Und von Europa will ich gar nicht erst anfangen: Deutschland hätte längst die Zuläufe zu Gotthard- und Brenner-Basistunnel ausbauen müssen. Stattdessen hat man Verträge gerissen – und Stuttgart 21 hilft da auch kein bisschen weiter, selbst wenn es irgendwann wie versprochen funktionieren sollte.
Das mit dem Anhydrit ist so insane. Stuttgart ist in einer Kessellage. Die U-Bahn Station beim Hauptbahnhof wird jährlich absolut überschwemmt mit Regenwasser. Was eine tolle Idee für noch mehr Tunnel.
Ich habe schon 1993 im Studium (Uni Hohenheim) von S21 erfahren, es war ein Seminarthema wo wir eine geplante Trasse dafür im Gelände landschaftsökologisch untersuchen sollten (oder sowas in derart). Damals dachte ich wie hirnverbrannt das doch ist und es würde sicherlich niemals realisiert werden. Im Nebenfach hatte ich damals auch Geologie und ich wusste um den problematischen Untergrund im Stuttgarter Talkessel Bescheid (Gipskeuper). Einfach nur krass dass es trotzdem durchgezogen wird.
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Es wäre billiger gewesen Stuttgart abzureißen und irgendwo ohne Anhydrit wieder aufzubauen.
11,5 Milliarden! Das ist ja zweimal Jens Spahns Masken geklüngel.
So viel Zeit beim Zugfahren werd‘ ich nie einsparen, wie ich schon im Stau wegen dieser Baustelle gestanden bin.
Keine Sorge, die Bahn wird sich mit der 2. Stammstrecke in münchen nochmal überbieten, was Kostensteigerungen und Bauverzögerung angeht. Danach spicht niemand mehr von S21!
Das wichtigste fehlt: das Schiedsverfahren. Heiner Geißler und die Schweizer sma hatten den Kombibahnhof als beste Lösung ermittelt. Billiger, schneller fertig, keine Schwierigkeiten beim Takt usw.
"Es gibt kein Projekt der Bahn, dass so exakt planfestgestellt, durchgerechnet wurde wie das Projekt Stuttgart21" Das sagt er in dem Jahr wo das Projekt laut Plan hätte fertiggestellt sein sollen. Und es wurde da noch nicht mal angefangen zu bauen.
Was sind eure Gefühle zu Stuttgart21?
Ich finde, das Fazit und die Fakten kommen echt zu kurz. Denn viele Probleme am Stuttgarter Hauptbahnhof haben erst mit dem Projekt Stuttgart 21 angefangen. Vorher galt der Kopfbahnhof als einer der besten, leistungsfähigsten und pünktlichsten Bahnhöfe Deutschlands – und das zurecht. Die durchdachte Ingenieursleistung im Gleisvorfeld hatte da einen großen Anteil dran. Warum ausgerechnet dieser funktionierende Bahnhof weichen sollte, während andere Städte ihre Kopfbahnhöfe weiter nutzen, war eigentlich nie eine Frage der besseren Bahnanbindung. Es ging eher darum, die Flächen gewinnbringender zu vermarkten – jedenfalls aus Sicht von Stadt und Landesregierung. Wirtschaftlich war das aber ein echter Griff ins Klo: Wenn man den Kaufpreis der Flächen verzinst – vom Kauf bis zur geplanten Übergabe – und all die Kosten und Belastungen durch den Bau berücksichtigt, dann wird das für die Stadt Stuttgart nie rentabel sein. Auch beim Zeitvorteil wird viel schöngeredet. Der kommt nämlich nicht durch Stuttgart 21 selbst, sondern durch die Neubaustrecke Stuttgart–Ulm. Die ist technisch ein anderes Projekt und hätte auch ohne den Tiefbahnhof funktionieren können. Dazu kommt: Der regionale Zugverkehr wird schlechter. Mit der Abkopplung der Gäubahn ab 2026 fallen direkte Verbindungen in den Hauptbahnhof weg – stattdessen wird in Stuttgart-Vaihingen Endstation sein. Das ist besonders bitter für Orte wie Herrenberg, Horb, Rottweil, Singen und viele andere im Süden, die auf diese Strecke angewiesen sind. Und dann wird auch noch der RE 200 gestrichen – Deutschlands schnellster Regionalzug zwischen Wendlingen und Ulm. Der war super beliebt, weil er in unter 30 Minuten durch war. Aber mit Stuttgart 21 ist Schluss damit. Ein weiteres Problem ist der neue Flughafenbahnhof. Wenn sich das so entwickelt wie in Frankfurt, halten einige Fernzüge bald nur noch dort – und lassen den Hauptbahnhof in der Innenstadt aus. Konkrete Fahrpläne gibt’s zwar noch keine, aber die Bedenken sind mehr als berechtigt. Was die neuen Bauprojekte auf dem ehemaligen Gleisfeld betrifft: Wer glaubt, dass damit die Wohnungsnot gelöst wird, den muss ich enttäuschen. Das werden hochpreisige Wohnungen, Hotels und Bürogebäude – also nichts, was wirklich hilft. Wenn der Tiefbahnhof dann irgendwann mal fertig ist, braucht der Hauptbahnhof auch noch eine aufwendige Sanierung. Die Bausubstanz und Technik haben unter den jahrelangen Arbeiten schon deutlich gelitten. Zurück zur Ursprungsidee: Anfang der 1990er hat ein Hubschrauberflug mit Heinz Dürr, Erwin Teufel, Manfred Rommel und Co. den Grundstein gelegt. Auf Vorschlag von Prof. Gerhard Heimerl kam die Idee auf, den Bahnhof um 90 Grad zu drehen und aus dem 16+2-gleisigen Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof mit gerade mal 8 bis 10 Gleisen zu machen – vor allem, um an die „Filetstücke“ im Gleisfeld ranzukommen. Stadtentwicklung deluxe halt. Auch sonst wurde bei Stuttgart 21 vieles übergangen: Der Denkmalschutz, etwa beim Abriss der Seitenflügel des Bonatzbaus. Und der Naturschutz, denn der betroffene Bereich im Schlossgarten war ursprünglich geschützt – bis das kurzerhand geändert wurde. Und was hat’s der Stadt gebracht? Massive Verkehrsprobleme. Der Autoverkehr wurde durch Dauerbaustellen, Umleitungen und Sperrungen stark eingeschränkt. Der zentrale Busbahnhof fiel weg, was den Nahverkehr zusätzlich belastet hat. Umwelttechnisch ist das Ganze auch keine Glanzleistung: Trotz aller Logistikpläne gab’s in der Bauphase jede Menge LKW-Verkehr – gerade in den ersten Jahren. Für die Bahn selbst war Stuttgart 21 ein Fass ohne Boden. Ein Großteil der Planungs- und Baukapazitäten floss in dieses eine Projekt, während andere Baustellen bundesweit ins Stocken gerieten. Und auch beim Fernverkehr leidet die Pünktlichkeit mit – was niemanden wundert. Außerdem: Der neue Tiefbahnhof passt nicht zum Deutschlandtakt. Weniger Gleise bedeuten weniger Züge, weniger Umsteigemöglichkeiten – und das widerspricht dem Konzept. Und von Europa will ich gar nicht erst anfangen: Deutschland hätte längst die Zuläufe zu Gotthard- und Brenner-Basistunnel ausbauen müssen. Stattdessen hat man Verträge gerissen – und Stuttgart 21 hilft da auch kein bisschen weiter, selbst wenn es irgendwann wie versprochen funktionieren sollte.
Das mit dem Anhydrit ist so insane. Stuttgart ist in einer Kessellage. Die U-Bahn Station beim Hauptbahnhof wird jährlich absolut überschwemmt mit Regenwasser. Was eine tolle Idee für noch mehr Tunnel.
Ich habe schon 1993 im Studium (Uni Hohenheim) von S21 erfahren, es war ein Seminarthema wo wir eine geplante Trasse dafür im Gelände landschaftsökologisch untersuchen sollten (oder sowas in derart). Damals dachte ich wie hirnverbrannt das doch ist und es würde sicherlich niemals realisiert werden. Im Nebenfach hatte ich damals auch Geologie und ich wusste um den problematischen Untergrund im Stuttgarter Talkessel Bescheid (Gipskeuper). Einfach nur krass dass es trotzdem durchgezogen wird.